„Ich wünsche mir, dass meine Tochter in Freiheit leben kann“

„Es ist zu leicht“, sagt Narges Saki. Sie meint damit die Einstellung der Nähmaschine. Wissend dreht sie das Handrad, macht noch ein paar Stiche und schneidet schließlich den Faden ab. Bilder, die man hier öfters sieht, Geräusche, die man öfters hört. Hier, das ist im obersten Stockwerk der Wiener Mariannengasse 5. An dieser Adresse wohnen nicht nur rund 60 Familien, die auf ihren Asylbescheid warten. Ganz oben findet sich auch die Übungswerkstatt des Vereins „Kattunfabrik – Das CutureLab”. Ein Projekt, das geflüchteten Menschen, die aus der Textilindustrie kommen, beim Eintritt in den österreichischen Arbeitsmarkt unterstützen will. Und das auf mehreren Ebenen: Von Tutorien in der Übungswerkstatt über Meisterklassen bis hin zur eigenen Änderungsschneiderei.

Auf Kenntnissen aufbauen

Saki ist seit 2015 in Österreich, seit 2017 ist sie bei der Kattunfabrik. Bereits in ihrem Herkunftsland arbeitete sie als Schneiderin, allerdings nur eingeschränkt. „Im Iran können die Frauen draußen arbeiten, aber sie müssen das mit ihrem Mann, ihrem Bruder oder ihrem Vater besprechen. Wenn sie zustimmen, ist es in Ordnung“, erzählt sie. Ihr Mann wollte das nicht, deswegen richtete sie sich eine kleine Werkstatt zu Hause ein. Shaima Sahak, die seit einem Jahr in der Kattunfabrik ist und derzeit in einer Wiener Matratzenfabrik arbeitet, hat in Pakistan Schneiderin gelernt. Mahtab Hassani machte bereits in mehreren Ländern Erfahrungen in der Textilbrache. Zum Beispiel in der Türkei in einem Brautmodegeschäft. Durch die Unterstützung der Kattunfabrik will sie den Eintritt in eine Modeschule schaffen, um in Österreich Modedesignerin zu werden.

Es ist keine Seltenheit, dass Menschen, die nach Europa flüchten, bereits Erfahrung in der Textilindustrie haben. Rund 30 Prozent der Syrer*innen, die nach Europa flüchteten, arbeiteten in ihrer Heimat in der Textilbranche. 15 Prozent von ihnen auf Meister*innen-Niveau. Bei den Geflüchteten aus Afghanistan arbeiteten rund 18 Prozent in der Textilindustrie, von ihnen sieben Prozent auf Meister*innen-Niveau.

Auf diese vorhandenen Fähigkeiten will der Initiator Jimmy Nagy aufbauen. Die Geschichte der Kattunfabrik begann in einer kleinen Werkstatt in St. Pölten, unweit von Wien: Jimmy Nagy und sein Lebensgefährte machten sich dort 2015 mit der Produktion von Hundehalsbändern selbständig. Die damaligen katastrophalen Zustände im österreichischen Erstaufnahmezentrum Traiskirchen veranlasste die beiden zu helfen. Sie luden geflüchtete Menschen ein, die Nähmaschinen in der Werkstatt zu nutzen, um ihre Kleidung zu reparieren. Die Geflüchteten fragten dabei immer wieder, wie bestimmte Begriffe auf Deutsch heißen. Sie wollten ihr Wissen ausbauen. Die Idee der Kattunfabrik entstand und entwickelte sich in den letzten Jahren immer weiter.

An die Bedürfnisse anpassen

„Die Kattunfabrik ist ein relativ dynamisches Projekt, da sich die Bedürfnisse der Menschen im Laufe der Zeit verändert haben. Von der akuten Hilfe zu Beginn über das Ankommen und dem Kennenlernen bis hin zu den Abschlüssen, der Qualifizierung und dem Eintritt in den Arbeitsmarkt“, erklärt Nagy. Dementsprechend breit sind die Angebote mittlerweile: Es gibt offene Beratungen für alle Geflüchteten, die bereits im Textilbereich gearbeitet haben. Zudem bietet die Kattunfabrik ein Tutorium als eine Art Orientierungswerkstatt an. Diese sind für alle Menschen – unabhängig von deren Aufenthaltsstatus – offen. Hier wird die Fachsprache ebenso vermittelt wie unterschiedliche Fertigkeitstechniken. Während die Masterclass nur Asyl- und subsidiär Schutzberechtigten offensteht. Hier wird das Ziel verfolgt, die Menschen in den Arbeitsmarkt zu vermitteln. Eine Möglichkeit dafür ist die Änderungs- und Reparaturschneiderei der Kattunfabrik, die „Voga84“, die von Lernenden und Lehrenden als Möglichkeit gegründet wurde, um für Lernende einen Weg aus den Transferleistungen zu finden.

Zu guter Letzt wird im „Cuture Lab“ der Kattunfabrik auch über die Schaffung neuer Arbeitsplätze in der österreichischen Textilindustrie nachgedacht. Das Ziel dabei: Weg von der Ausbeutung von Mensch und Natur und hin zu einer leistbaren und fairen Kleidungsbranche. „Weil wir hier günstig Klamotten einkaufen können, gibt es irgendwo ein Defizit bei der Bezahlung. Mehrheitlich wird unsere Kleidung im Nahen Osten oder in Asien produziert und die Menschen, die diese Kleidung produzieren, leben in Armut. Das Gehalt ist oftmals ‚zu viel‘, um zu sterben, aber zu wenig, um gut zu überleben. Daher sehen wir es als unsere Aufgabe, den Menschen, die jahrzehntelang die Kleidung für den europäischen Markt produziert haben, kollegial Hilfestellung zu geben.“ Mit kollegial meint der Gründer der Kattunfabrik auf Augenhöhe. Das bedeutet auch, die Geflüchteten nicht als Bittsteller*innen zu verstehen, sondern vielmehr einen Austausch an Wissen voranzutreiben. Gerade im Bereich der Reparatur und Änderungen könnten europäische Schneider*innen einiges lernen, so Nagy weiter.

Gleichzeitig lernen auch die Geflüchteten trotz ihrer Arbeitserfahrungen dazu. Techniken, die in anderen Teilen der Welt nicht notwendig waren: So hat Narges Saki bei der Kattunfabrik erstmals gelernt, mit Schnittmustern zu arbeiten. Shaima Sahak hat in Pakistan meist mit der Hand genäht, das Nähen an der Maschine hat sie in der Kattunfabrik weiterentwickelt. Fertigkeiten, die notwendig sind, um tatsächlich den Schritt in den Arbeitsmarkt zu schaffen. Insbesondere für Frauen ist dieser Weg langwierig, da sie mehrfach benachteiligt sind. Im Herkunftsland wurden sie oft schlechter bezahlt oder hatten gar keine Möglichkeit, eine Ausbildung zu machen – oder zu arbeiten. In Österreich wirkt sich die fehlende Ausbildung oder Arbeitserfahrung wiederum auf ihre Chancen am Arbeitsmarkt aus, weiß Nagy aus den Erzählungen der Teilnehmerinnen. Viele werden trotz Fachwissen in niedrigqualifizierte und prekäre Bereiche gedrängt. Hier gilt es, das vorhandene Wissen zu qualifizieren, um dem entgegenzuwirken.

Politische Rahmenbedingungen schaffen

Dafür reicht es jedoch nicht, Projekte wie die Kattunfabrik zu etablieren, vielmehr benötigt es entsprechende Rahmenbedingungen, die dies ermöglichen. Das Problem sei die Politik: „In Österreich merkt man ganz deutlich, dass die Menschen nicht gewollt sind. Das ist eine fatale Einstellung, weil die Menschen sind da. Das ist fatal für die Geflüchteten, aber auch für die Gesellschaft, die jeden Tag damit indoktriniert wird, dass es eine Gefahr ist, wenn Menschen neu in ein Land kommen. Aber wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass es Flucht und Fluchtursachen so lange geben wird, so lang wir ein System, wie wir es jetzt haben, praktizieren“, sagt Nagy.

Die derzeitige Politik, die Nagy fahrlässig nennt, merkt er auch an der Akzeptanz seiner Arbeit. Eine Mehrheit bevorzuge es, zu österreichischen Schneider*innen zu gehen als zu einer Schneiderei, die von Geflüchteten mitgegründet wurde. Förderungen vonseiten der öffentlichen Hand gibt es keine. Und wird es mit der derzeitigen Regierung wohl auch künftig nicht geben. Integrationsprojekte haben es zunehmend schwieriger, wenn Integration vonseiten der Politik gar nicht gewollt ist. Gleichzeitig steigen die Abschiebungszahlen, auch das wirkt sich negativ auf das Einstellungsverhalten von Unternehmen aus.

Saki ist trotz dieser spürbaren Widerstände dankbar in Österreich zu sein, Jimmy Nagy kennen gelernt zu haben. Denn in Österreich habe sie die Freiheit gefunden, die sie sich gewünscht hat. „Als ich mit der Kattunfabrik angefangen habe, habe ich alles gefunden. Und ich wünsche mir, dass auch meine Tochter hier in Freiheit leben kann“, so Saki. Sie strahlt während sie diese Sätze sagt. Doch eines fehle noch, damit dieser Wunsch Wirklichkeit bleibt: Ein positiver Asylbescheid.

Was wünschen sich Menschen, die vieles zurücklassen und neu anfangen mussten?

Shaima Sahak